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Blind heißt nicht gleich Rollstuhl

Blinde mit Gehstock

Blind, viele Menschen wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Sind Blinde gleichzeitig gehbehindert? Welche Probleme haben Blinde beim Reisen? Dieser Frage geht Lydia in ihrem Gastbeitrag nach. Dabei wird deutlich, dass es viele Missverständnisse im Umgang mit blinden oder sehbehinderten Menschen gibt, die sich noch bessern könnten. 

Ein guter Freund von uns, Scott, ist blind. Wir treffen ihn jedes Jahr mit seiner Frau im Urlaub wieder. Scott reist meist ohne Blindenstock, dies übernimmt seine Frau Margo. Sie läuft voran und er hält die Hand auf ihre Schulter und folgt ihr. Auf diese Weise sind die beiden schneller als wir.

Scott war nicht immer blind. Ich habe mich bisher nicht getraut zu fragen, wie es dazu kam. Das war mir zu persönlich und im Urlaub unpassend. Trotzdem wirft es viele Fragen bei mir auf, von so Dingen, wie betätigen Blinde den Computer (Scott ist Programmierer) bis wie kommen sie auf Reisen zurecht?

Deshalb freue mich mich sehr über den heutigen Gastbeitrag von Lydia, die auf ihrem Blog ihre Welt erklärt und Licht in mein Dunkel bringt. Hier erfährst du, welche Schwierigkeiten du hast, wenn du blind bist und wie du als Außenstehender damit umgehen kannst.

Reise nach Jordanien

Februar 2015. Gemeinsam mit einem sehenden Bekannten befinde ich mich auf dem Flughafen in Amman, der Hauptstadt Jordaniens. Wir haben an der Arab. Episkopal School für blinde Lehrer und Schüler ein Seminar zum Thema „Umgang mit dem Blindenstock“ möglich gemacht und befinden uns auf dem Heimweg.

Probleme bei der Sicherheitskontrolle – was ist eine Braillezeile?

Als wir die Sicherheitskontrollen passieren wollen, wird mein Handgepäck kontrolliert. Dabei sprechen die beiden Mitarbeiter die ganze Zeit mit meinem Begleiter. Dieser spricht deutsch und ein bisschen englisch, während ich auch arabisch spreche. Auch wenn es mir nicht schmeckt übergangen zu werden lasse ich es geschehen. Schließlich war es ein langer Tag. Und ich will einfach nur noch im Flieger sitzen und nach Hause.

Plötzlich hält ein Mitarbeiter meine Braillezeile hoch und fragt was das sei. Mein Begleiter versucht dem völlig unwissenden Mann die Funktion dieses Geräts zu erklären, scheitert aber kläglich an der Sprachbarriere. Böses ahnend greife ich zu, um mein Gerät festzuhalten. Dabei versuche ich mir auf Arabisch Gehör zu verschaffen, werde jedoch komplett ignoriert. Langsam bekomme ich Panik. Dem Mann ist das Gerät im Metallgehäuse suspekt. Und ich habe Angst, dass man es mir wegnimmt.

Brailleschrift blind

Brailleschrift

Nachdem mein Begleiter sich nicht verständlich mitteilen kann, und man mir keine Aufmerksamkeit schenkt, werde ich laut. Und zwar so, dass man mich auf jeden Fall hört. Ich fordere die beiden Mitarbeiter auf mit mir zu sprechen, oder einen Dolmetscher für meinen nur deutsch sprechenden Kollegen zu organisieren. Denn nur so sei eine Verständigung möglich. Denn nur ich von uns beiden bin der arabischen Sprache mächtig.

Erst wird es still. Ich kann förmlich hören wie bei den beiden der Groschen fällt. Und dann sagt einer in höflichstem Ton: „Entschuldigung, Madame“. Okay, das hätten wir also geklärt. Auf seine Frage nach der Funktion der Braillezeile erkläre ich ihm, dass das ein Gerät sei, das mir die Schrift auf dem Computer in Brailleschrift ausgibt. Da ich meinen Laptop dabei habe, biete ich an das vorzuführen. Aber die beiden geben sich mit der Erklärung zufrieden. Sie fragen ob sie noch was für uns tun können. Und da wir in Paris umsteigen, bitte ich um eine Assistenz, die uns beim Umstieg helfen kann. Ich betone, dass wir keinen Rollstuhl, sondern lediglich eine ortskundige Begleitung brauchen.

Ich denke, dass die beiden mich anfangs nicht für voll genommen haben. Da mein Begleiter um einiges älter ist, und ich auch noch blind, dachten die wohl, dass er für mich blinde und hilflose Reisende die Verantwortung trägt. So erkläre ich mir die anfängliche Ignoranz. Erst recht in einer Gesellschaft, die Menschen mit Behinderung nicht als gleichwertig akzeptiert. Wäre ich mit einem meiner Kinder geflogen, hätte man sich erst mal mit ihnen unterhalten. Denn meist wird einem sehenden Kind mehr zugetraut als einem blinden Erwachsenen.

Rollstuhl oder nicht?

Weiter auf dieser Reise. Als wir in Paris ankommen, werden wir von zwei Mitarbeitern empfangen. Diese haben jeweils einen Rollstuhl dabei und fordern uns beide auf Platz zu nehmen. Wir beide wollen es nicht, und tun es auch nicht. Und zwar aus Prinzip. Wenn Ich einen Rollstuhl wünsche, dann meine ich das auch so. Und ebenso auch, wenn ich keinen brauche.

Wenn man als Blinder ohne Begleitung fliegt, ist der Rollstuhl ein großes Thema. Ich mache es so, dass ich im Reisebüro meines Vertrauens angebe, dass ich Assistenz benötige. Dabei geht es um den Weg zum Flieger und bei der Ankunft durch die Abfertigung. Und ganz gleich wie oft ich angebe, dass ich ihn nicht benötige, wird mir in 90 Prozent aller Fälle ein solcher angeboten oder direkt schon mitgebracht. Meist endet es damit, dass der Rollstuhl geschoben wird, während ich mit dem Mitarbeiter laufe.

Ich habe aber auch schon erleben müssen, dass eine Mitarbeiterin am Frankfurter Flughafen 1995 mir den Rollstuhl regelrecht aufnötigte. Sie erklärte mir rundweg, dass sie mich nur im Rollstuhl transportieren würde oder gar nicht. Damals hatte ich noch nicht das Geschick mich zu wehren. Und aus Angst stehen gelassen zu werden habe ich mich eben in diesen Rollstuhl gesetzt. Heute würde ich es einfach darauf ankommen lassen.

Blind aber nicht gehbehindert

Also, liebe Leserinnen und Leser, blinde sind blind. Das heißt, dass sie kaum oder gar nichts mehr sehen. Sie sind aber durchaus in der Lage zu laufen. Es sei denn, sie haben eine Gehbehinderung. Man kann also davon ausgehen, dass ein blinder mit einer Gehbehinderung seine eigenen Hilfsmittel wie Rollstuhl oder Gehhilfen dabei hat oder diese anfordern würde.

Als blinde Frau brauche ich eine Begleitung auf dem Flughafen, weil das Gelände weitläufig und unübersichtlich ist, und weil es mir einfach fremd ist. Ich brauche somit eine ortskundige Hilfe und Nicht mehr. Gehen kann ich selbst. Da ich weiß, dass Mensch mit Behinderung gleich mit Rollstuhl assoziiert wird, gebe ich jedes Mal an, dass ich ausdrücklich keinen Rollstuhl wünsche. Bisher konnte mir allerdings niemand erklären wo im Informationsfluss diese Info verloren gegangen ist.

Positive Erfahrung als Blinde mit einer Airline

Diesen Beitrag möchte ich mit einer positiven Erfahrung beenden, die mich nachhaltig beeindruckt hat. 1998 flog ich über Rom nach Jordanien. Nach der Landung in Rom wurde ich direkt von einem Begleiter am Flieger abgeholt, in ein Auto gepackt und auf kürzestem Weg in den Wartebereich gefahren. Auf dem Weg vom Auto dorthin bot mir mein Begleiter sofort den Arm an und lief ganz normal mit mir. Im Wartebereich kam sofort eine deutsch sprechende Mitarbeiterin auf mich zu und erklärte mir, dass ich hier warten würde, und sie mich dann abholen würde. Zwischendurch kam jemand nachsehen ob alles in Ordnung sei. Als es Zeit wurde, holte eine Mitarbeiterin mich und zwei jugendliche Reisende mit einem Elektroauto ab und brachte uns zum Flieger. Dort übergab sie mich der Flugbegleiterin, die mich zu meinem Platz führte und mir im Schnelldurchlauf alles erklärte.

Lydias Welt – der Blog für Blinde und Sehende

In meinen Beiträgen schreibe ich viel über die Themen, die das Zusammenleben blinder und normal sehender Menschen beschäftigen und prägen. Damit möchte ich ein besseres Miteinander erreichen. Denn als hoffnungsloser Optimist glaube ich an das Missverständnis, welches ausgeräumt werden möchte. Und je mehr meine Beiträge lesen, desto mehr fruchtet vielleicht meine Aufklärungsarbeit.

Wenn Euch meine Beiträge zusagen, freue ich mich über das eine oder andere Like, oder auch den ein oder anderen Follower. Denn das Schreiben macht mehr Spaß, wenn der Leserkreis immer größer wird.

Den sehr interessanten Blog von Lydia findest du unter Lydias Welt.

Einen Beitrag über die Arab Episkopal School für blinde, sehbehinderte und normal sehende Jungen und Mädchen aller Glaubensrichtungen in Jordanien findest du hier.

Lesenswert zum Thema gehbehindert Rollstuhl auf Reisen.

2 Kommentare

  1. Pingback: Gern gelesen im November | wandernd

  2. Liebe Renate,
    Wenn du dich noch von diesem Captcha trennen könntest, dann wäre das klasse. Denn dieser Kot ist für blinde Menschen nicht lesbar. Sprich diese sind ausgeschlossen und können deine Beiträge nicht ohne fremde Hilfe kommentieren.

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