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Das Venedig des Tralalas, brauchen wir diese Vergleiche wirklich?

Vergleiche: Venedig des Ostens Pfahlbauten

Du hast diese Vergleiche bestimmt so oft gelesen. Da gibt es ein Venedig des Norden, des Westens oder des Ostens. Mit der italienischen Stadt am Canal Grande haben diese Orte meist wenig zu tun, wenn man von ein paar Brücken und etwas Wasser absieht. Mir stehen bei diesen Titeln jedenfalls regelmäßig die Haare zu Berge und dir?

Wer die Werbetexte der Tourismusindustrie liest, wird häufig mit Vergleichen überschüttet. Schnell wird eine Stadt zum Venedig des Nordens, nur weil sie einige Brücken oder Kanäle aufweisen kann. Mehr hat sie mit dem einzig wahren Venedig meist nicht gemeinsam. Alles wird katalogisiert, typisiert und schnell in eine Schublade gesteckt.

Was erwartet sich die Werbung von einem Vergleich?

Da frage ich mich doch, was will der Texter damit bezwecken? Kommen wirklich mehr Besucher nach Dhaka, nur weil ich es als „Venedig des Ostens“ bezeichne? Wobei Dhaka vielleicht ein schlechtes Beispiel ist. Die Hauptstadt von Bangladesch ist nicht wirklich ein Touristenmagnet, bisher jedenfalls nicht.

Es gibt vielleicht Wasser und auch Brücken. Der Vergleich wirkt aber doch eher unrealistisch und an den Haaren gezogen. Was haben denn bitte Dhaka und Venedig gemeinsam? Macht der Vergleich die Stadt bekannter? Fahren wir lieber in das „Venedig des Ostens“ als einfach nur nach Ayutthaya, Bangkok oder St. Petersburg? Tun wir den Städten vielleicht unrecht? Wo bleibt das italienische Flair? Wo sind die Gondeln?

Venedig

Was ist typisch für Venedig?

Bei Venedig denken wir gleich an die vielen Kanäle und Brücken. Im historischen Venedig sollen es immerhin 426 Brücken sein. Dann sind die Häuser auf Pfählen gebaut. Morbider Charme liegt über der Stadt. Alles wirkt einzigartig und ist doch ein bisschen dem Untergang geweiht. Es gibt prachtvolle Paläste, Kirchen und viel italienisches Flair. Die Gondoliere fahren die Touristen durch die Stadt, vielleicht mit einem Liedchen auf den Lippen.

Der Karneval in Venedig ist legendär. Es wird nicht geschunkelt und mit Kamellen geworfen. Maskierte schlendern in edlen Roben über den Markusplatz. Die Kostüme sind aufwendig und bieten in dieser malerischen Kulisse in beliebtes Motiv für die vielen Fotografen. Seltsamerweise sind es mittlerweile meist Touristen, die sich in diese Kostüme werfen. Die Venezianer fliehen dann lieber aus der Stadt.

Venedig in Deutschland

Dem Vergleich mit Venedig sind allein in Deutschland unterworfen: Hamburg mit immerhin 2486 Brücken, Emden, Papenburg, Friedrichstadt, Putbus, Stralsund, Dresden und Leipzig (479 Brücken). Als Klein-Venedig gelten Salzwedel oder Boizenburg und man höre und staune, Wasserburg ist das bayerische Venedig. Vielleicht ist Friedrichstadt aber doch eher „Klein Amsterdam“ wegen der Grachten.

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Berlin hat immerhin 2100 Brücken und ich kann mich nicht erinnern, dass die Stadt je als „Venedig des Ostens“ bezeichnet wurde. München hat mehr als 1000 Brücken. In Tübingen wiederum gibt es italienisches Flair in Form von Maultaschen und Eiscreme und gar Gondoliere. Trotzdem werden die Städte nicht mit Venedig verglichen.

Immerhin 555 Städtebeinamen und Städteklischees von Blechbudenhausen bis Schlicktown hat der Autor Richard Deiss in seinem Buch „Elbflorenz und Sprayathen“ gesammelt. Das sollte wirklich zu denken geben! Da kommen wir zu der Frage.

Hat eine Stadt Vergleiche mit Venedig nötig?

Tun wir den genannten Städten wirklich einen Gefallen? Ist Venedig denn schöner und größer als Amsterdam? Ich denke nicht! Jede Stadt, jeder Ort ist doch einzigartig und hat sein ganz eigenes Flair. Wer möchte denn eine Kopie sein, ein mieser Abklatsch? Vielleicht ist es eine gut erhaltene Altstadt mit historischen Fachwerkhäusern. Nette Restaurants, viel Wasser oder grüne Parks.

Mich erschrecken die Vergleiche. Ich will das nicht lesen! Mein Appell an die Texter heißt daher: Lieber Schreiberling, lass doch die Vergleiche einfach stecken. Hole für uns das Besondere eines Ortes heraus. Jede einzelne Stadt hat das verdient.

Wie denkst du darüber? Sag es mir und meinen Lesern.

4 Kommentare

  1. Hallo Renate,

    Ein klasse Thema mit guter Frage. Fragen wir doch einmal, was diese Vergleiche tun? Auch wenn nicht jeder Venedig gesehen hat, erzeugen diese Wort Bilder in unserem Kopf; Bilder die Geschichten erzählen, ohne dass viel geschrieben werden muss. All dass, was wir über Venedig gehört haben, läuft sofort als Film in unserem Kopf ab. Die Werbetexter benötigen nur drei Worte. Nämlich den Städtenamen plus Venedig plus Himmelsrichtung. Fertig ist die Story. Das Interesse ist geweckt. Die Kunden buchen, weil suggeriert wird, das muss man gesehen haben. Nach der Reise geht niemand wieder auf den Vergleich ein, weil dieser nicht nachvollzogen werden konnte.

    Dresden mit Venedig zu vergleichen ist ja nun wirklich irre. Dresden und Elbflorenz, das ist im gewissen Sinne ok. Auch wenn Dresden heute keine sichtbaren Gemeinsamkeiten mit der italienischen Stadt teilt. Dieser Vergleich ist historisch entstanden, als Dresden in der Zeit Augusts dem Starken zur kulturellen Blüte in Europa aufgestiegen ist. Kein Besucher wird diesen Wandel in Dresdner Entwicklung heute richtig nachvollziehen können. Deswegen hört man diesen Vergleich heute eher weniger in Werbetexten. Ursprünglich wollte August der Starke einen Hof gleich dem des französischen Sonnenkönigs errichten. Chronischer Geldmangel hat das verhindert, sonst würde Dresden vielleicht als das sächsische Versailles bezeichnet werden.

    Krasser finde ich noch die Vergleiche mit der Schweiz. Unzählige Gebiete in Deutschland werden mit der Schweiz verglichen, wie die Fränkische Schweiz, die Mecklenburgische Schweiz oder auch die Sächsische Schweiz. Niemand kommt auf die Idee, diese Landschaften mit der Schweiz zu vergleichen. Auch der Name Sächsische Schweiz wurde in der Vergangenheit vor etwa 200 Jahren geboren. Eine eindeutige Ursache für die Namensgebung ist nicht bekannt. Nur das Relikt dieser Zeit, der Malerweg ist heute in aller Munde.

    Vielie Grüße aus Dresden
    Peter

    • Reisefieber sagt

      Lieber Peter,

      ich freue mich immer über deine tollen, informativen Kommentare. 🙂 Das Thema lag mir schon etwas länger auf der Seele, weil mich diese Überschriften immer so nerven. Ich finde es zu platt. Umso interessanter finde ich die historischen Hintergründe.

      Dresden hat doch so viele äußerst sehenswerte Bauwerke, die Florenz in nichts nachstehen. Versailles habe ich beim Schüleraustausch mal in jungen Jahren gesehen. Da ist Sans Souci in Potsdam gut vergleichbar. Immerhin hat das der Stadt Dresden doch einiges an Geld gespart.

      Liebe Grüße
      Renate

  2. Ganz meine Meinung. Vor allem ist Venedig ja auch nicht nur positiv konnotiert. Für mich steht die Stadt auf für Abzocke, Ausverkauf und Überfülltheit. Immerhin letzteres dürfte in Bangladeschs Hauptstadt auch gegeben sein…

    • Reisefieber sagt

      Lieber Olli,

      mein letzter Venedig-Besuch ist schon etwas länger her. Bisher war ich nur im Winter da, da geht es mit den Touristen. Wobei die Massen beim Karneval in Venedig doch extrem zugenommen haben. Ähnlich muss es auch anderen Städten wie z.B. Barcelona gehen. Zu viele Besucher zur gleichen Zeit.

      Liebe Grüße
      Renate

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